Leseprobe: Trauernden nahe sein

Handbuch zur Trauerbegleitung
Übersicht Leseproben
INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT
VERGEWISSERUNG ZUVOR
Selig die Trauernden
Trostpflaster für Untröstliche
Gefährliche Hilfe
Trost will nicht die Trauer nehmen
Trösten
Grundstrukturen der Trauer als psychisches Geschehen
Erhöhte Sensibilität für unbewusste Gefühle und Spiritualität
Kausalitätsdenken: Wo Unglück ist, muss Schuld sein
Verlust der eigenen Identität und Lebensbejahung
Die Wiederholung des Vergangenen
Gegenwart des Verstorbenen
Das Diktat der Endgültigkeit
Die Wut-Schuld-Falle
Selig die Trauernden – Ein Leitmotiv für die Helfenden!
Das Geheimnis begehen
Rituale und Trauer
Kleine Rituale – große Rituale
Traueraufgabe
AFFIRMATIONEN AUF DEM WEG DER TRAUERBEGLEITUNG

wahrgenommen

Verdunkelte Seele
Stehenbleiben
Gib du ihm deine Hand
Typische Erstreaktionen
Erforschte Phasen der Verarbeitung von Krisen, Sterben, Trauer
Moderne Alternativen: Zyklen, Spiralwege und Gezeiten
Trauer – Antwort der Seele
Schock
Kontrolle
Zurückgenommenes Leben
Ein neuer Anfang
Trauer
Der Trauerprozess
Pathologische Trauer
Die Trauer des Sterbenden, die der Angehörigen und die der Begleiter
Ungleichzeitigkeiten in der Trauer

begleitet

Deine Trauer wird ein langer Weg sein
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein
Die Arbeit des Trauernden
Auslösung der Trauer
Strukturierung
Anerkennung der Realität
Entscheidung zum Leben
Expression unakzeptabler Gefühle und Wünsche
Bewertung des Verlustes
Inkorporation des Verstorbenen
Chance der Neuorientierung
Stützen in der Zeit der Trauer
Selbst ratlos sein
Hilfreicher Umgang mit trauernden Menschen

gehört

Brief eines unbekannten Studenten
Komplikationen der Trauer I
Probleme in der Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens
Probleme in der Phase der aufbrechenden Emotionen
Probleme in der Phase des Suchens und Sich-Trennens
Probleme in der Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges
Gesellschaftliche Förderung und Behinderung der Trauerarbeit
Vom Umgang mit Schuldgefühlen in der Trauer
In schwerer Trauer wächst auch Schuld
Vom hilfreichen Umgang mit Schuldgefühlen
Unbewusste Schuldgefühle aus der Kindheit
Durch Schuld hindurch zu neuem Leben
Komplikationen der Trauer II
Umstände des Todes
Person des Verstorbenen
Person des Trauernden

verstanden

Vom zärtlichen Menschen
Wie Frauen und Männer (unterschiedlich) trauern
Kinder-Trauer
Zehn Hinweise für Eltern
Wenn Eltern um ihre Kinder trauern
Trost des christlichen Glaubens
Mechanismen der Bewältigung
Vom helfenden Umgang mit der Last der Schuld
Schuldgefühle in der Palliativmedizin
Die Aufarbeitung der Schulderfahrung durch den Patienten unterstützen
Schutz vor dem Gefühl der Wertlosigkeit
Die Schuldgefühle der Anderen
Reife Aufarbeitung von Schuld: ein Weg

weitergegangen

Die Brücke
Die Gefährdung überwinden
Befiehl du deine Wege
Der Trauerweg im Neuen Testament
Jesus in Gethsemane
Osterlied
Gottes Geist: Kraft aus der Höhe
Durch Träume den Weg in der Trauer finden
Abschied und Trauerarbeit in Träumen
Vier Aspekte der Todesträume
Zusammenfassung
Alles ist Botschaft

geblieben

Unter Schmerzen bewahren
Der Schmerz der Lücke
Etwas hast du noch
Dein Gedenken lebt fort
Was bleibt
Auf der anderen Seite des Weges
Reicher um das Verlorene
Die Liebe ist das einzig Bleibende
Wie das Leben siegt
Vom Geist des (Fest-)Haltens

losgelassen

Loslassen
In Liebe hergeben
Gebet um Gelassenheit
Vier letzte Lieder
Trauerrituale – nicht nur für Kinder
Brot in deiner Hand

aufgestanden

Ausblick
Aufgerichtet
Ein anderer Mensch
Biblische Geschichten vom Aufstehen aus Anfechtung, Krankheit und Trauer
Der Prophet Elia
Die Schwiegermutter des Simon Petrus
Weitere biblische Geschichten vom Aufstehen
Verwandelt
Ein neues, warmes Leben
Der Weg zurück ins Leben
Labyrinth: Tanz des Lebens
Der Klang im Inneren
Mandala: Transformation
LITERATURVERZEICHNIS
ANMERKUNGEN UND NACHWEISE

VORWORT

Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Matthäus 5,4

Liest man zu Ende, was Jesus bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in der Synagoge von Nazareth (Lukas 4,16-30) aus dem Buch des Propheten Jesaja vorlas, dann wird klar, dass es sozusagen unberechnet in der klassischen Aufzählung der Werke der Barmherzigkeit schon immer ein „achtes Werk der Barmherzigkeit“ gegeben hat: das Trösten aller Trauernden (Jesaja 61,2).
Das „Trostamt der Kirche“ hat besonders Martin Luther so sehr beschäftigt, dass er es mehrfach besonders erwähnt und hervorgehoben hat. So heißt es in seiner berühmten Seelsorgeformel in den Schmalkaldischen Artikeln:
„Wir wollen nun wieder zum Evangelium kommen, welches nicht nur auf eine Art Rat und Hilfe gegen die Sünde gibt; denn Gott ist überschwenglich reich in seiner Gnade. Erstens durchs mündliche Wort, worin Vergebung der Sünde in aller Welt gepredigt wird; das ist das eigentliche Amt des Evangeliums. Zweitens durch die Taufe. Drittens durch das heilige Sakrament des Altars. Viertens durch die Schlüsselgewalt und auch per mutuum colloquium et consolationem fratrum – durch die gegenseitige brüderliche Aussprache und Tröstung.“
Das Priestertum aller Gläubigen hat genau hier seinen Ursprung – im gegenseitigen Trösten und Vergeben von Schuld. Es ist der eigentlich christliche Freundschaftsdienst, den wir einander zukommen lassen, ja von Herzen gönnen sollen. Es ist ein einfacher mitmenschlicher und ganz und gar unverzichtbarer Dienst. Jede und jeder kann ihn tun – lauter, einfach und zugewandt.
Das Trostamt der Kirche braucht außer Beherztheit eigentlich keine Vorbereitung. Aber es hat sich bewährt, in der Begleitung trauernder Menschen wenigstens aufmerksam zu werden auf das, was wir wissen und einüben können in der Nachfolge Jesu. Der auferstandene Christus hat so die beiden Emmaus-Jünger getröstet (Lukas 24,13-35): sie wahrgenommen, begleitet, gehört und verstanden. Er war schon ein Stück weitergegangen, damit es auch für sie weitergehen konnte. Aber dann ist er geblieben und hat erst nach gehabter Gemeinschaft losgelassen und ist aufgestanden. Ihm nach lernen wir so, Trauernden nahe zu sein und sie zu trösten. Nicht als „leidige Tröster“ und irgendwie „besserwisserisch“, sondern mitmenschlich nah, aufmerksam im Begleiten und Zuhören, damit die Trauernden sich so fühlen können: wahrgenommen, begleitet, gehört, verstanden, weitergegangen, geblieben, losgelassen, aufgestanden. Denn Trauer soll „verwandelt werden in einen Reigen“ (Psalm 30,12). Die acht Affirmationen dieses Begleithandbuches wollen gute Trauerbegleitung befördern und uns stärken in unserem Dasein als Mitmenschen und christliche Geschwister. Für das Projekt „Sei nahe in schweren Zeiten – Handreichung zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Trauerbegleitung“ stellen sie die Materialien des Vertiefungskurses dar.

Für Anregungen und erste Erfahrungen in der Weitergabe des Vertiefungskurses danke ich Gerlinde Martins, Schwerin, und Barbara Wilkens, Husum.

Schleswig/Rendsburg, im Juni 2011
Peter Godzik

AFFIRMATIONEN AUF DEM WEG DER TRAUERBEGLEITUNG

  • wahrgenommen
  • begleitet
  • gehört
  • verstanden
  • weitergegangen
  • geblieben
  • losgelassen
  • aufgestanden

Unser Lernweg (im Vertiefungskurs) orientiert sich am Trauerweg der Emmaus- Jünger (Lukas 24,13-35). In den Passiv-Formulierungen wird deutlich, wie sich das seelsorgerliche Handeln Jesu in den Empfindungen der Jünger widerspiegelt. In den ersten vier Schritten geht es dabei um sie persönlich, in den zweiten vier Schritten zugleich um die Welt, die sie umgibt. Was hier geschieht, lässt sich sowohl auf den Trauernden selbst als auch auf die verlorene Person, das verlorene Objekt beziehen. So kommt es auch, dass die ersten vier Schritte Phasen aus dem Trauerprozess thematisieren: den Aufbruch der Gefühle, das Verhandeln, die Depression und die Annahme. Im zweiten Teil geht es dann schon um eigene Aktivitäten wie weitergehen, bleiben, loslassen und aufstehen, auf die im Perfekt-Passiv zurückgeblickt wird. Für die Trauerbegleiter kommt es darauf an, nach einem ersten Durchgang der Identifizierung mit den Trauernden und der Vorwegnahme eines abgeschlossenen Trauerprozesses (im Grundkurs) die Offenheit für den je eigenen Trauerprozess der Trauernden so zu entwickeln, dass diese sich als Begleitete entsprechend verstanden und angenommen fühlen können.
Auch wenn die Trauerbegleiter im Tempo und in der Schrittfolge der Trauernden begleitend mitgehen, ist es doch entscheidend, dass sie an bestimmten Weggabelungen auch Hinweise und Impulse geben können, um so das Vorwärtskommen auf dem je eigenen Weg zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen.
Es ist ein alter Streit in der Seelsorge, ob seelsorgerliche Begleitung immer nur mitgeht oder vielleicht doch auch selber Impulse gibt. Ich erinnere mich dabei an einen Hinweis von Joachim Scharfenberg: In der Verhaltenstherapie weiß der Therapeut, was gut ist für den Patienten (pessimistisches Menschenbild); in der Gesprächspsychotherapie weiß der Patient selber, was gut für ihn ist (optimistisches Menschenbild); im psychoanalytisch bzw. tiefenpsychologisch orientierten Gespräch und in der seelsorgerlichen Beziehung auf Zeit ereignet sich die Wahrheit zwischen den beiden Gesprächspartnern, sie ist nicht einfach verfügbar (realistisches Menschenbild).
So verstandene Seelsorge geht nicht nur mit (Begleitung), sondern rechnet damit, im entscheidenden Moment auch Hilfe und Unterstützung (durch Deutung und Ritual) anbieten zu können. Das setzt „Konzepte“ und „Wegweiser“ voraus, die vorgedacht, vorgelebt und bei Bedarf angeboten werden. Dem dienen die hier angebotenen Materialien. Sie wollen nicht einfach an die Trauernden weitergegeben werden, sondern Haltungen in den Begleitenden erzeugen, die eine gute seelsorgerliche Beziehung ermöglichen.
Gute Trauerbegleitung kann sich von Gelerntem lösen und das aktuell Begegnende jeweils aufgreifen und in einen lebendigen Beziehungsprozess einbeziehen.

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