Leseprobe: Hospizlich engagiert

Übersicht Leseproben
INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort
Worum es geht: Sterbenden (und Trauernden) Freund sein
An den Grenzen des Lebens

I. Zur Geschichte der Hospizarbeit
Einige wichtige Daten zur Entwicklung in Deutschland
Die Hospizbewegung in Deutschland – Stand und Perspektiven
Grundzüge einer Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland
Der Tod behält nicht das letzte Wort – zur diakonischen Begleitung Sterbender
Deutungsrahmen für die Geschichte der Hospizbewegung
Die Hospizbewegung in Niedersachsen – Wurzeln, Entwicklungen und Perspektiven
Wichtige Daten zur Geschichte der Hospizarbeit in Schleswig-Holstein
Sterbende begleiten – von den Anfängen der Hospizarbeit in Schleswig
Gronemeyer-Interview mit Peter Godzik (gekürzt)
Ausgewählte Literatur zum Thema „Geschichte der Hospizarbeit“

II. Praktische Impulse für die Hospizarbeit
Fragestellung und Arbeitsaufgabe für die Arbeitsgruppen während der Generalsynode der VELKD
Entwürfe für die Stellungnahmen der Arbeitsgruppen
Aufklärung und Ermutigung – von wichtigen Büchern zum Thema
Sterbende begleiten – Seelsorge der Gemeinde
Sterbebegleitung durch die Gemeinde – Gastkommentar zum Ergebnis der Generalsynode 1988
Dem Sterben ein Zuhause geben
Sterbenden Freund sein – Einführung
Sterbende begleiten – das neunte Werk der Barmherzigkeit
Sterben in Würde – Erhellendes aus Mainz
Sterbebegleitung in Gemeinde und Hospizbewegung
36 Jahre nach „Gramp“: Die Sterbebehinderer haben ausgespielt

III. Hoffnung über den Tod hinaus
Der Trost des christlichen Glaubens
Das Sterben: ein Geborenwerden in die Welt bei Gott
Ins Leben aus dem Leben gehen

IV. Didaktische Anregungen für Hospiz- und Trauerarbeit
Hospiz-Weiterbildung. Modelle und Literaturhinweise – ein Überblick
„Verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde“. Sterbende begleiten – Seelsorge der Gemeinde
Welche Voraussetzungen in der Ausbildung und Zurüstung von Mitarbeiterinnen in der Hospizarbeit sind nötig?
Gemeinsam unterwegs – zur Didaktik der Palliative Care-Kurse
Einführungen in die didaktischen Schritte des Trauerhandbuchs „Sei nahe in schweren Zeiten“

V. Persönliches zum Autor
Kurzbiographie
Bibliographie Peter Godzik zum Thema „Hospizarbeit“
Weitere Impulse

VORWORT

Eingeladen von der „Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit Dresden“, auf dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni 2011 in Dresden einen Vortrag zu halten zum Thema „Hospizarbeit – was lernen wir aus ihrer Geschichte für unsere Zukunft?“, habe ich mich daran gemacht, meine Unterlagen über 24 Jahre Engagement aus kirchlich-diakonischer Perspektive in Sachen Hospizarbeit in Deutschland zu sichten.
Nach der Gründung des ersten Hospizvereins 1985 in München kam ich mit zwei Jahren Verspätung hinzu: Ich wurde 1987 Referent im Lutherischen Kirchenamt der VELKD in Hannover mit der Zuständigkeit für Seelsorgefragen. Durch die Vorbereitung der Lutherischen Generalsynode 1988 zum Thema „Sterbende begleiten“ und eine Anfrage von Renate Wiedemann, die gerade dabei war, die „Deutsche Hospizhilfe“ zu gründen, kam ich zu dem Thema, das mich nun all die Jahre nicht mehr losgelassen hat. Als „Fan“ der Gründergeneration, deren Protagonisten ich im Laufe der Zeit (fast) alle kennen lernen durfte, machte ich mich daran, das Anliegen der in Deutschland entstehenden Hospizbewegung der eigenen evangelischen Kirche und Diakonie so zu vermitteln, dass eine dauerhafte Bejahung und Unterstützung daraus entstehen und bleiben konnte. Es war manchmal mühsam, aber nicht vergeblich.
In diesem Buch sind nun all jene Impulse in Vorträgen, Zeitschriften und sonstigen Publikationen versammelt, die ich in den vergangenen 24 Jahren seit meiner Berufung ins Lutherische Kirchenamt nach Hannover beitragen konnte. Hospizwege führten mich u.a. nach Bremen, Lemförde, Hiltrup, Recklinghausen, Duisburg, Wuppertal, Düren, Ludwigshafen, Stuttgart und Tübingen; nach Hamburg, Lüneburg, Celle, Loccum, Braunschweig, Hildesheim, Goslar, Kassel, Arnoldshain, Würzburg, Bamberg und München; nach Sankelmark, Kiel, Lübeck, Mölln, Schwerin, Berlin, Radebeul und Wien. Ich konnte zeitweilig mitarbeiten im „Fachbeirat Hospiz“ des Diakonischen Werkes der EKD und im Vorstand der damals noch so genannten Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Hospiz.
Ich habe sehr viele hospizbewegte Menschen kennen gelernt, denen ich viel an neuen Einsichten und Lebenserfahrungen zu verdanken habe. Ich denke dabei besonders an Daniela Tausch, Johann-Christoph Student, Petra Muschaweck, Franco Rest, Karin Wilkening, Ulrich Domdey, Gerda Graf, Heinrich Pera, Monika Müller, Josef von Radowitz und Christine Denzler-Labisch.
Unvergessen bleiben natürlich auch meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in der Entwicklung des Celler Modells: Christof Baum, Willy Boysen, Margot Desenick, Horst und Rosemarie Dirks, Andreas Ebert, Wiltrud Hendriks, Doris Hetzler, Hartmut Mühlen, Brigitte Müller, Gerhard Pfister, Alfred Seiferlein, Jochen Senft, Marlies Söhlke, Elisabeth von Spies, Lotte Strack, Burkhard Straeck, Wiebke Thomsen und Karin Witte sowie Maria Ankermann, Dirk Blümke, Edeltraut Kambach, Margret Krueger, Paul-Gerhard Langenbruch, Martin Ostertag, Gabriele Pappai, Elke Schölper, Rolf Sturm, Frank Weiberg und Wolfgang Weiß; sowie im „Fachbeirat Hospiz“ des DW-EKD (sofern nicht schon genannt): Helmut Dopffel, Roswitha Kottnik, Katharina Mayer, Peter Otto, Thomas Schlunk und Lothar Stempin. Noch viele andere wären hier zu nennen, denen ich tiefe Einsichten über das Wichtige in der Hospizarbeit zu verdanken habe. Zuletzt waren es neben Reimer Gronemeyer und Monika Renz besonders Marie-Luise Bödiker, Paul Herrlein, Hans Overkämping, Rainer Prönneke, Josef Roß, Norbert Schmelter und Paul Timmermanns.
Neben den Namen und Orten spielen natürlich die Inhalte eine besondere Rolle. So gliedert sich das Buch in vier Kapitel, in denen die jeweils wichtigen und anregenden Texte versammelt sind:

  • Zur Geschichte der Hospizarbeit
  • Praktische Impulse für die Hospizarbeit
  • Hoffnung über den Tod hinaus
  • Didaktische Anregungen für Hospiz- und Trauerarbeit.

Die Leserin und der Leser werden je nach Interesse für sich entdecken, womit wir jeweils in der Hospizarbeit gestartet sind und wohin sich das Ganze entwickelt hat. Sie werden spüren, welche Werthaltungen bis heute prägend sind und auch in der Zukunft nicht aufgegeben werden dürfen. Mich hat besonders überrascht, dass die ersten Texte, die ich zum Thema verfasste, nämlich „Fragestellung und Arbeitsaufgabe für die Arbeitsgruppen während der Generalsynode der VELKD“ immer noch die Leitfragen und Grundeinstellungen enthalten, die uns heute noch in der Hospizbewegung bestimmen und auch weiterhin bestimmen sollten. Insofern ist der Blick zurück nicht bloß nostalgisch, sondern eine Ermutigung, die Motivation und Begeisterung des Anfangs zu behalten und mit ihren unverzichtbaren Werten auch die Zukunft der Hospizarbeit zu gestalten. Einen Ausblick auf kommende Herausforderungen geben die Einführungen in das Trauerhandbuch „Sei nahe in schweren Zeiten“. Wie beim Celler Modell für die Sterbebegleitung wird hier der Versuch unternommen, den Gemeinschaftscharakter der Hospizbewegung zu stärken.
Die in diesem Buch versammelten Beiträge dokumentieren die Entwicklung der Hospizarbeit in Deutschland über einen Zeitraum von 24 Jahren. Mir ist bewusst geworden, dass das genau zwei Drittel meiner aktiven Dienstzeit als Pastor sind. Sie geben also den eigentlichen Schwerpunkt meiner theologischen Lebensarbeit wieder. Dass ich nicht von der Medizin und Pflege, sondern von der christlichen Seelsorge herkomme, wird man den Beiträgen immer abspüren. Ich hoffe nicht, dass das die „Gebildeten unter den Verächtern der Religion“ (Schleiermacher) davon abhalten wird, sich mit den theologischen und kirchlich-diakonischen Impulsen auseinanderzusetzen, die allesamt immer das gemeinsam Menschliche meinen.
Auch wird die Leserinnen und Leser die eine oder andere Wiederholung von Darstellungen und Argumenten nicht stören. Das ist in gewisser Weise unvermeidlich, wenn man die Texte in ihrem ursprünglichen Zusammenhang belassen und nicht um die Doppelungen mühsam kürzen will. Denn das vorliegende Buch ist kein geschlossenes Handbuch der Hospizarbeit, sondern der Einblick in eine lebendige Werkstatt.
So möge nun dieses Buch zu seinem Teil und in seiner Art die gemeinsame Geschichte einer großartigen Bewegung erzählen und damit zu einem Kraftquell für alle Weiterentwicklung werden, die angesichts des Ankommens in der Mitte der Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen, gesundheitspolitischen und organisatorischen Zwänge den Schwung des Anfangs zu verlieren droht. Ich finde ja: Das scheint nur so, dem ist aber nicht so. Dafür bürgen all diejenigen Menschen, die sich seit Jahren täglich neu in der Hospizbewegung engagieren.

Schleswig, im Februar 2011
Peter Godzik

Worum es geht: Sterbenden (und Trauernden) Freund sein

Was ist das Sterben? Ein Nichtungsprozess oder ein Geborenwerden? Ich halte es mit Martin Luther, der das Sterben ansah wie eine Geburt: „Und danach wird ein großer Raum und Freude sein.“
Was haben wir zu tun, wenn wir Sterbende begleiten? Wir sind aufmerksam und unterstützen sie auf dem letzten Stück ihres Lebensweges, dass sie möglichst ohne Schmerzen, gut gepflegt, umsorgt von ihren Freunden oder Angehörigen, weitgehend selbstbestimmt ihren letzten Atemzug tun können. Wir verhalten uns dabei wie gute Hebammen: Wir erleichtern das Durchschreiten des Tores; wir freuen uns, wenn es geschafft ist; wir holen Hilfe herbei, wenn es zu schwer und kompliziert wird.
Die Menschen sollen und wollen nicht durch unsere Hand sterben, sondern an unserer Hand, deshalb bereiten wir uns sorgfältig auf diesen Weg vor. Als Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung lernen wir in acht Schritten seelsorgerliche Tätigkeiten: wahrnehmen, mitgehen, zuhören, verstehen, weitergehen, bleiben, loslassen, aufstehen. Ja, auch loslassen und aufstehen, weil es der sterbende Mensch uns vormacht: Wir bleiben nicht hocken im gehabten Leben, wir gehen weiter, durch das Tor hindurch.
Es gibt Bilder, die das Begleiten und Unterstützen im Sterben beschreiben: Wir bilden ein tragendes Netzwerk, wir achten einander in unseren unterschiedlichen Tätigkeiten und Professionen.
Unmittelbar in der Nähe des sterbenden Menschen, ihm zugewandt, leisten wir unseren Dienst, oder bleiben in respektvollem Abstand stehen und beobachten, was geschieht, wann wir gebraucht werden und wann nicht. Wenn es darauf ankommt, halten wir die Hand unter oder legen sie zum Segen auf. Wir fragen uns, was das Sterben erleichtern könnte: eine gute Schmerztherapie, eine ganzheitliche Pflege, eine Bearbeitung letzter ungelöster Probleme, eine gute und liebevolle spirituelle Begleitung.
Bei der Geburt ist Steißlage eine schmerzhafte Komplikation, im Sterben auch. Wie ermöglichen wir es, dass die von uns begleiteten Menschen in „geistliche Kopflage“ kommen können. Eine Perspektive muss her, eine Vorstellung, ein Traum von dem, was vor uns liegt. „Wer nur zurückblickt, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Könnte das der unverzichtbare Beitrag der Seelsorgenden sein, Perspektiven zu eröffnen, Deutungshorizonte in den Blick zu nehmen, die vom Schmerzhaften des Abschieds ablenken und Trost vermitteln? Eine gute Hypno-Therapeutin arbeitet so mit ängstlichen und widerstrebenden Kindern: sie lenkt sie ab und nimmt sie mit auf eine Traumreise – und unversehens ist geschehen, wovor sie sich gefürchtet haben.
Welche Bilder vom Sterben, vom Leben danach haben wir anzubieten, wovon träumen wir, was, glauben wir, kommt danach? Ist der Himmel leer, wie Günter Grass einmal auf die entsprechende Frage antwortete, oder gibt es Vorstellungen, die unser Leben bereichern und unser Sterben erleichtern?
Wer wie Günter Grass so schön, so detailgetreu und phantasievoll erzählen kann, ist eigentlich schon längst im Himmel, in der anderen Welt jenseits unserer Realität, im Land der Liebe und Vergebung. Der gewinnt aus dem Erzählen die Kraft, umzugestalten und selber neu zu werden. Denn darum geht es auch im Sterben: Wir werden umgestaltet und neu gemacht. Zurück bleibt unsere körperliche Hülle, die Seele hat sich auf den Weg gemacht. Wohin?
Ich habe erfahren, dass Bilder helfen, den Blick nach vorn zu richten – nicht eines, sondern viele. Es geht ja nicht um Ideologie oder meine Glaubensüberzeugung, sondern um ein Angebot, einen Deutungshorizont, den der andere beschreiten und für sich ergreifen soll. Vielleicht will und kann er nicht nach vorn schauen, dann ist das auch in Ordnung. Aber vielleicht ergreift er so ein Bild und malt es sich aus – im wahrsten Sinne des Wortes. Kunsttherapeutinnen arbeiten manchmal so mit Sterbenden: Sie lassen sie ihre Bilder malen oder, wenn sie das schon nicht mehr können, ein Bild auswählen. So gestärkt mit einem inneren Bild geht ein sterbender Mensch seinen Weg unvertretbar durch das Tor hindurch. Wir sind nur staunende Begleiter mit unserem Mitgefühl, unserem liebevollen Blick, unserer gewachsenen Erfahrung.
Und wir wissen genau: Die eigentliche Bewährungsprobe unserer vielfältig erworbenen Kompetenz kommt noch, wenn wir selber gerufen werden an die Schwelle des Lebens.
Gerufen, gefragt, bedacht, bekannt, gelöst, erfüllt, gesegnet, begabt – so heißen die Schritte in unserem Vertiefungskurs für Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung. So stirbt man nicht, jedenfalls nicht immer und nicht immer so leicht – das wissen wir. Aber so kann man sich auf das Sterben vorbereiten, um Haltung zu trainieren – aufmerksame Mitmenschlichkeit in der jeweiligen Profession, die wir ans Sterbebett mitbringen, ehrenamtlich oder bezahlt. Denn das ist unser Wunsch, unsere Bitte:

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.
Rainer Maria Rilke, 15.4.1903, Viareggio

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