Leseprobe: Die Kunst der Sterbebegleitung

Handbuch zur Sterbebegleitung
Übersicht Leseproben
INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT
EINLEITUNG
SEELSORGE IN DER NACHFOLGE JESU
ERSTER SCHRITT : WAHRNEHMEN
Der Indianer und die Grille
Ein schwedisches Waldmärchen
Arbeitsblatt „Eigene Wahrnehmung“
Sterben mit-erleben
Bilder vom Krankwerden und Sterben

ZWEITER SCHRITT : MITGEHEN
Die wichtigsten Regeln für das Gespräch in der Gruppe
Weggefährten
Gang nach Emmaus
Seelsorge in der Nachfolge Jesu
Erkenntnisse aus der Arbeit mit Sterbenden
Die seelische Dynamik des Reifeprozesses
Begleitung
So nimm denn meine Hände

DRITTER SCHRITT : ZUHÖREN
Nur zuhören
Kontrollierter Dialog
Vorschläge für ein hilfreiches Gespräch
Vierohrigkeit
Freie Auswahl des Empfängers
Arbeitsblatt
Die vier Wünsche sterbender Menschen

VIERTER SCHRITT : VERSTEHEN
Brief eines unbekannten Studenten
Wünsche
Die Sprache der Sterbenden
Das Verbalisieren von Gefühlen
Arbeitsblatt „Einfühlende Antworten“

FÜNFTER SCHRITT : WEITERGEHEN
Eine alte Fabel
Belastung
Hingabe
Bedingungen und Auswirkungen familiärer Pflege heute
Konkrete Schritte gegen Isolation und Überlastung
Mögliche Kraftquellen für den Begleiter

SECHSTER SCHRITT : BLEIBEN
Bleibet hier und wachet mit mir
Herr, bleibe bei uns
Der Ölbaumgarten
im angesicht des todes
Ratschläge eines Sterbenden
Was es heißt, einen anderen Menschen zu trösten

SIEBENTER SCHRITT : LOSLASSEN
Loslassen
Stufen
Einübung ins Abschiednehmen
Einübung ins Sterben – Einübung ins Leben
Schweigen
Vorübung zur Kontemplation
Fasten
Gebet

ACHTER SCHRITT : AUFSTEHEN
Steh auf
Erste Schritte
Wege durch die Trauer
Leben nach dem Tod
das könnte manchen herren so passen
Wo sind die Toten?
Das Sterben als neue Geburt

PRAKTISCHE VORSCHLÄGE
Schön, dass Sie kommen. Hinweise für Besuche
Wandel der Hoffnung
Die geistliche Dimension von Krankheit und Tod –
Texte und Gebete

LITERATURVERZEICHNIS
ANMERKUNGEN UND QUELLENANGABEN

VORWORT

Was haben wir zu tun, wenn wir Sterbende begleiten? Wir sind aufmerksam und unterstützen sie auf dem letzten Stück ihres Lebensweges, dass sie möglichst ohne Schmerzen, gut gepflegt, umsorgt von ihren Freunden oder Angehörigen, weitgehend selbstbestimmt ihren letzten Atemzug tun können. Wir verhalten uns dabei wie gute Hebammen: Wir erleichtern das Durchschreiten des Tores, denn Sterben ist ein „Geborenwerden in die Welt bei Gott“. Wir freuen uns, wenn es geschafft ist; wir holen Hilfe herbei, wenn es zu schwer und kompliziert wird.
Die Menschen sollen und wollen nicht durch unsere Hand sterben, sondern an unserer Hand, deshalb bereiten wir uns sorgfältig auf diesen Weg vor. Als Angehörige, Freunde und Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung lernen wir in acht Schritten seelsorgerliche Tätigkeiten: wahrnehmen, mitgehen, zuhören, verstehen, weitergehen, bleiben, loslassen, aufstehen. Ja, auch loslassen und aufstehen, weil es der sterbende Mensch uns vormacht: Wir bleiben nicht hocken im gehabten Leben, wir gehen weiter, durch das Tor hindurch.
Es gibt Bilder, die das Begleiten und Unterstützen im Sterben beschreiben: Wir bilden ein tragendes Netzwerk, wir achten einander in unseren unterschiedlichen Tätigkeiten und Professionen. Unmittelbar in der Nähe des sterbenden Menschen, ihm zugewandt, leisten wir unseren Dienst oder bleiben in respektvollem Abstand stehen und beobachten, was geschieht, wann wir gebraucht werden und wann nicht. Wenn es darauf ankommt, halten wir die Hand unter oder legen sie zum Segen auf. Wir fragen uns, was das Sterben erleichtern könnte: eine gute Schmerztherapie, eine ganzheitliche Pflege, eine Bearbeitung letzter ungelöster Probleme, eine gute und liebevolle spirituelle Begleitung.

Bei der Geburt ist Steißlage eine schmerzhafte Komplikation, im Sterben auch. Wie ermöglichen wir es, dass die von uns begleiteten Menschen in „geistliche Kopflage“ kommen können? Eine Perspektive muss her, eine Vorstellung, ein Traum von dem, was vor uns liegt. „Wer nur zurückblickt, ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Luk 9,62).
Könnte das der unverzichtbare Beitrag der Seelsorgenden sein, Perspektiven zu eröffnen, Deutungshorizonte in den Blick zu nehmen, die vom Schmerzhaften des Abschieds ablenken und Trost vermitteln? Eine gute Hypno-Therapeutin arbeitet so mit ängstlichen und widerstrebenden Kindern: sie lenkt sie ab und nimmt sie mit auf eine Traumreise – und unversehens ist geschehen, wovor sie sich gefürchtet haben.
Mit diesem Buch möchten Herausgeber und Verlag erreichen, dass Menschen, die unter schwierigen Bedingungen von ihren sterbenden Angehörigen Abschied nehmen müssen, in die Lage versetzt werden, ein geeignetes Begleitbuch für ihre persönliche Vorbereitung auf das Sterben und den einsetzenden Trauerprozess zur Verfügung zu haben. Gerade in solchen Fällen hat sich die vorliegende Sammlung besonders bewährt.
Die Texte dieses Buches wurden in mehrjähriger Arbeit von einer Projektgruppe der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands) zusammengetragen. Wir danken den vielen Menschen, ohne die diese Sammlung nie entstanden wäre. Die Einleitung stammt im Wesentlichen vom Herausgeber dieses Buches; die Ein- und Überleitungen zu den einzelnen Schritten wurden von Andreas Ebert verfasst. Für Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind wir dankbar und wünschen diesem Buch wache Leserlnnen, die selbständig und kritisch mit dem Material umgehen, das wir zusammengestellt haben.

Schleswig /Rosengarten, im Herbst 2012
Peter Godzik

EINLEITUNG

Die Begegnung mit Sterbenden macht uns unter Umständen Angst. Wir sollten dennoch nicht vor ihr zurückschrecken, denn sie birgt eine große Chance in sich: Durch diese Begegnung kann unser Leben an Bewusstheit und Tiefe gewinnen und unser Glaube gestärkt werden. Durch den bewussten Umgang mit Hoffnungsworten der Bibel kann in uns Ruhe und Gewissheit wachsen. Sie können sich auf den Sterbenden übertragen und ihm helfen, die Todesfurcht zu überwinden. Wir sind bei dieser Begegnung Empfangende und Gebende zugleich.

Seelsorgerlichen Dienst an Sterbenden kann tun,

  • wer bereit ist, die Verdrängung des Todes zu überwinden und sich mit eigenem und fremdem Sterben auseinanderzusetzen;
  • wer offen dafür ist, Zuhören und Dasein einzuüben und die Rolle der Begleitung zu übernehmen;
  • wer sich einen kleinen Schatz biblischer Worte, Liedstrophen und Gebete aneignen möchte, die dieser Situation standhalten.

Dieses Buch ist als Lese- und Arbeitsbuch für alle gedacht, die beruflich oder familiär mit Schwerkranken und Sterbenden zu tun haben. Die einzelnen Abschnitte können auch als „roter Faden“ für die persönliche Beschäftigung mit dem Thema dienen. Die Gliederung des Buches folgt der Struktur der Emmaus-Geschichte (Lukas 24,13-35). In dieser Geschichte begleitet Jesus zwei Trauernde, die jegliche Hoffnung verloren haben. Das Verhalten Jesu bietet ein Modell biblischer Seelsorge an. Es dient als Leitbild christlicher und gemeindlicher Seelsorge überhaupt. Dabei werden die LeserInnen einen Weg über acht Stationen geführt.

Diese Stationen heißen:

  • wahrnehmen
  • mitgehen
  • zuhören
  • verstehen
  • weitergehen
  • bleiben
  • loslassen
  • aufstehen

Im Rahmen dieser acht Schritte können sich die Leserinnen und Leser mit dem Themenkreis „Sterben und Tod“ auseinandersetzen. Daneben werden eine Reihe von Kenntnissen und Fertigkeiten für die seelsorgerliche Begleitung Schwerkranker und Sterbender vermittelt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Einübung „aktiven Zuhörens“. Einige geistlich-theologische Impulse („Meditationen“) und Sachinformationen kommen hinzu.
Es ist das Verdienst der Hospizbewegung, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass es in der Sterbebegleitung ohne die Mithilfe ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer nicht geht. Dieses Buch kann daher gemeindlichen Seelsorgegruppen und auch übergemeindlichen Hospizinitiativen zur Vorbereitung von HospizhelferInnen dienen, sofern sie sich auf seine christliche Grundstruktur einlassen können.
Ehrenamtliche sind bei diesem Dienst unverzichtbar, weil heute bei steigender Lebenserwartung und wachsender Pflegebedürftigkeit im hohen Alter sehr viele Menschen auf Hilfe und Begleitung angewiesen sind. Sterbebegleitung kann keine Sache für hauptamtliche Fachkräfte allein sein, die schon aufgrund des Pflegenotstandes überfordert sind. Auch Pastorinnen und Pfarrer können angesichts ihrer vielen dienstlichen Verpflichtungen diese Aufgabe nicht ohne eine Dienstgruppe von „Laien“ erfüllen. Und auch die Angehörigen können sich diesem Dienst nicht immer umfassend widmen, zumal die Großfamilie nicht mehr existiert, die einst das Sterben ihrer älteren oder auch jüngeren Mitglieder gemeinsam getragen hat. Hier ist eine Gruppe innerhalb der lokalen Kirchengemeinde oder eine übergemeindliche Dienstgruppe vor Ort gefordert.
Aus der christlichen Verkündigung wissen wir, dass mit dem Tode nicht alles aus ist. Stärker als der Tod ist die Liebe Gottes, die uns hält und begleitet, durch Dunkelheit und Angst hindurchführt und uns am Ende annimmt. Das sollen wir als Christen einander bezeugen und vorleben in dem Maße, wie uns das in unserer menschlichen Begrenztheit möglich ist. Dieses Buch eröffnet die Möglichkeit, sich zusammen mit anderen über die jeweils eigenen Vorstellungen von Sterben, Tod und Leben nach dem Tod auszutauschen und dabei zu größerer Klarheit und Gewissheit zu gelangen. Er setzt keinen unerschütterlichen und zweifelsfreien Glauben voraus, sondern will unter anderem auch einen Beitrag zum Glaubenswachstum und zur Glaubensstärkung derer leisten, die sich auf diesen Weg einlassen.

Seelsorge in der Nachfolge Jesu

Gliederung in Anlehnung an Lukas 24,13-35

WAHRNEHMEN
sich gegenseitig kennenlernen, Erfahrungen austauschen, Grundmuster der Wahrnehmung erkennen; wahrnehmen, wann ein Mensch ein „Sterbender“ ist

MITGEHEN
spüren, wie wohltuend Begleitung sein kann; die vor uns liegende Wegstrecke betrachten; den Weg des Sterbenden verstehen, ihn begleiten auf seinem Weg

ZUHÖREN
aufeinander hören können, die Bedürfnisse Sterbender beachten, aktives Zuhören lernen

VERSTEHEN
sich gegenseitig besser verstehen; verstehen können, was einer nicht sagt; die „Sprache“ der Sterbenden verstehen; sich einfühlen können

WEITERGEHEN
Wie geht es in der Gruppe weiter? Wie geht es in der Sterbebegleitung weiter? Krisen wahrnehmen, eigene Kräfte realistisch einschätzen, etwas für sich selber tun

BLEIBEN
einander nahe sein können, beim Sterbenden bleiben; pflegen, trösten, beistehen, dasein

LOSLASSEN
voneinander Abschied nehmen und loslassen, Abschiede im Leben und im Sterben wahrnehmen und einüben, Abschied gestalten

AUFSTEHEN
aufstehen können, einen Weg weitergehen, auf Veränderungen achten; hoffen, trauern, verändern

Die gebürtige Schweizerin und Wahl-Amerikanerin Elisabeth Kübler-Ross war eine der ersten, die sich mit dem Thema Sterbebegleitung befasst hat. Ihr Buch „Interviews mit Sterbenden“ ist der „Klassiker“ zu diesem Thema. Die Erkenntnisse dieser Frau über die fünf „Sterbephasen“, erwachsen aus der Begleitung unzähliger Sterbender, sind heute unter Seelsorgerinnen und Seelsorgern Allgemeingut.
Diese Phasen heißen:

  • Verneinung / Leugnung
  • Protest / Zorn
  • Verhandeln
  • Depression
  • Einwilligung.

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