Leseprobe: Der eigenen Trauer begegnen

Übersicht Leseproben
INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT
ERINNERUNGEN
Abschiede
Trauer
Mandala: Trauer verarbeiten
Über sieben Brücken mußt du gehen
Musikalische Seelsorge
Das Märchen von der traurigen Traurigkeit
Mandala: Hoffnung
Christliche Trauerbräuche
Versehen mit den Tröstungen unserer heiligen Kirche
Wieder November
Auferstehung aus der Trauer
Den Schmerz fruchtbar machen
Trauerarbeit
ERFAHRUNGEN AUF DEM TRAUERWEG

rufen

Kummer und Schmerz
Tief innen tut es weh
Manche von uns sind so verzweifelt
Der Schrei
Was dir hilft
Ton der Schmerzen
Aus tiefer Not schrei ich zu Dir
Mein Gott, ich klage dir meinen Zustand
Ganz laut rufe ich um Hilfe

fragen

Fragen leben
Fragen, die einen beschäftigen
Warum trifft es gerade mich?
Wenn guten Menschen Böses widerfährt
Zu knapp
Warum hast du den Tod erdacht?
Ja, ich will euch tragen
Frag’ den Abendwind

bedenken

Und vergib uns unsere Schuld
Was es ist
Scheiternde Dialoge
Trostgedanken
Dahin sind meine Gedanken gericht
Das Land der Trauer

erkennen

Du kannst nicht tiefer fallen
Im Blitz eines Gebetes
Der Mensch – ein sinnorientiertes Wesen
Ich glaube
Zeige mir den Sinn
Das Muster unseres Lebens
Baumscheibenmeditation „Rückblick auf mein Leben“
Lebensstufen

lösen

Ohne Du
Durchschnittene Verbindungen
Es weint
Ich weine noch oft
Trauertränen – Glückstränen
Ich sehe Deine Tränen
Die Träne

danken

Dankbarkeit in die Traurigkeit mischen
Dankbar sein dafür, dass wir sie gehabt haben
Ohne Murren
Dankbar ohne Zittern
Dankbares Verweilen
Dank für jede gute Hand
Ich kann wieder aufatmen
Alles kommt von dir
Engel

segnen

Gebet des heiligen Franziskus
Der Segen der Sterbenden
Der Segen der Trauernden
Die Segnungen, die wir durch Verluste erfahren
Innere Lichter anzünden für Verstorbene

geben

Der römische Brunnen
Sich geben in andre, neue Bindungen
Vergeben – vom Schmetterling lernen
Der Ochse und sein Hirte
Zum Markt gehen mit schenkenden Händen
Abschiedlich leben – großzügig sein
Das Leben neu schätzen lernen
NACHWORT
LITERATURVERZEICHNIS
ANMERKUNGEN UND QUELLENANGABEN

VORWORT

Trauer ist keine Krankheit, sondern eine ganz natürliche Reaktion auf schmerzliche Verluste. Trauer braucht Ausdruck, damit sie uns nicht blockiert und festhält auf dem Lebensweg.
Dieses Buch ist eine Einladung, der eigenen Trauer zu begegnen. Es beschreibt eine Wegstrecke mit acht Wegerfahrungen, die geeignet sind, der eigenen Trauer standzuhalten, sie Schritt für Schritt tiefer und besser zu verstehen und am Ende umzuwandeln in Impulse für neues Leben. Wenn es gelingt, die Schritte tapfer und mutig zu setzen und den eigenen Trauerweg zu gehen, könnte am Ende die Kraft wieder wachsen, das Leben neu schätzen zu lernen. Insofern ist dieses Buch ein Weg des Lernens im eigenen Leben.
Darüber hinaus ist es geeignet, künftigen Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern die Trauer der Trauernden (auch die eigene!) wieder näher zu bringen, um aufmerksam und einfühlsam begleiten zu können.
In dem Projekt „Sei nahe in schweren Zeiten – Handreichung zur Vorbereitung Ehrenamtlicher in der Trauerbegleitung“ stellt dieses Buch das Material für den Grundkurs dar. Wir lernen daran, aufmerksam zu werden, ehe wir andere begleiten. Für Anregungen und erste Erfahrungen in der Weitergabe des Grundkurses danke ich Gerlinde Martins, Schwerin, und Barbara Wilkens, Husum.

Schleswig/Rendsburg, im Juni 2011
Peter Godzik

Abschiede

Unser Leben ist voller Abschiede, voller Trennungen, voller Verluste. Abschiede, die das Weg-Gehen, das Weg-Nehmen meinen, aber auch den Weg gehen, den Weg nehmen, um Neues kommen zu lassen. Die Doppelbödigkeit des Los-Lassens und Neu- Entstehens wird sichtbar, auch in der absoluten Form des Sterbens. Verena Kast spricht von der „abschiedlichen Existenz“ des Menschen.
Trennung, Abschied, Schmerz, Wieder-auf-Stehen, Freude wird jeder Mensch erfahren. Zutiefst sind es Erfahrungen, die mit unserem Lebens-Sinn, unseren Lebens-Entwürfen verknüpft sind. Wir können nicht entscheiden, ob wir Verluste, Trennungen zulassen wollen oder müssen; wir können allerdings entscheiden, wie wir damit umgehen möchten. Abschiede, die wir integrieren können, haben die Chance heilend zu wirken, wenn wir sie jedoch abspalten, abdrängen, obwohl sie täglich sichtbar und spürbar sind, können sich Ungleichgewichte entwickeln.
Trauer ist die Antwort auf Verluste, auf Trennungen, auf Abschiede, auf schmerzhafte Leere, auf nicht gelebtes Leben. Trauer ist ein Prozess, lebensbegleitend. Leben gestaltet sich in dem Spannungsfeld der Sehnsucht nach Dauer und Bindung sowie der Fähigkeit zur Trennung und zum Loslassen. Die Situationen des Verlustes können sehr unterschiedlich sein, entsprechend auch die Verlustreaktionen: Ideale gilt es zu verabschieden, Lebensabschnitte, Gefühle, Räume, Ereignisse, liebe und problematische Menschen. Tod-sicher wird das eigene Sterben kommen.
Trauer ist lebens-notwendig, ist lebensfördernd, ist schmerzhaft und heilend zugleich. Sie erfasst den ganzen Menschen, seine Gefühle, seinen Leib, seinen Verstand. Entsprechend ganzheitlich wird Trauerverarbeitung sein (müssen); die leibliche und sinnenhafte Hingabe an die Trauer ist so wichtig neben der sprachlichen Ebene.
Trauer ist die Antwort auf Verlust-Situationen, Trauer ist aber auch der Weg, Abschiede umzuwandeln, neuen Lebenssinn zu entwerfen. Hoffnung wird zur Spur neuer Kräfte. … Trauer braucht Raum zur Gestaltung, den Raum der Gedanken, der Gespräche, den Raum des Leibes, der Bewegung, den Raum der Rituale und kreativer Handlungen, den Raum der Trauerorte, bergender Landschaften, wohnlicher Häuser, den Raum philosophischer, religiöser Sinnorte. Unser Körper ist ein Raum, und er braucht zugleich Raum. Unser Leib ist der Ort, wo sich unsere Trauer zeigt, gestaltbar werden läßt, aber auch, wo sie fixierend uns behindert. Alle Heilungsvorgänge gehen über den Leib.

Hilda-Maria Lander und Maria-Regina Zohner

Du hast meine Klage … verwandelt.
Psalm 30,12

Trauer

Kein Leben ist ohne Trauer. Und jeder Mensch trauert auf seine Weise. – Wer trauert, hat etwas verloren, das wichtig war: einen anderen Menschen, die Gesundheit, eine vertraute Umgebung, eine hoffnungsvolle Perspektive, eine Arbeit. Kein Verlust ist ungeschehen zu machen. Und die Ohnmacht angesichts des Todes kann niemand umgehen – auch nicht die Seelsorgerin oder der Seelsorger.
Vor Beschwichtigung und schnellem Trost muss man sich hüten. Es ist wichtig, trauern zu dürfen. Trauer kann Menschen anfälliger für Krankheiten machen. Aber die Trauer selbst ist keine Krankheit, sondern eine notwendige Reaktion, die ihre je eigene individuelle und soziale Gestalt annimmt. Dauerhaft beherrscht und scheinbar ungerührt zu bleiben, ist langfristig belastender, als der Trauer – auch heftig – Ausdruck zu verleihen.
Über das Verlorene zu sprechen, von ihm immer wieder zu erzählen, kann zu einer Brücke werden. Indem man sie begeht, verwandelt sich die Trauer. Das Verlorene rückt an einen anderen Ort. Es wird möglich weiterzuleben. Der Verlust eines Menschen ist leichter zu realisieren, wenn man den Toten oder die Tote sehen und anfassen kann. Man kann Toten noch vieles sagen, was man im Leben versäumte. Für die Seelsorge ist wichtig: Auch aggressive Gefühle gegen Verstorbene dürfen sein. Ungelöste Konflikte in einer Beziehung behindern den Abschied.
Für Trauernde selbst liegt die Perspektive der Hoffnung oft fern. Dennoch ist es wichtig, dass andere stellvertretend Lebens- und Glaubensgewissheit für sie bewahren.

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